Helena Waldmann

 

„Ich zeige die Tänzer als Arbeiter, die gnadenloser Ausbeutung unterworfen sind. Sie sind die Kreativen in den Tanzstudios, die den geringst möglichen Preis aufrufen, um teilzunehmen an einem Markt, der stets beleidigt ist, wenn man sagt, er würde sich wie ein Markt verhalten. Hütet Euch vor den Beleidigten.“

Made in Bangladesch / © Wonge BergmannMade in Bangladesch / © Wonge BergmannMade in Bangladesch / © Wonge Bergmann

PORTRÄT

PRODUKTIONEN

Helena Waldmann tanzt nicht, aber sie arbeitet mit Tänzerinnen und Tänzern. Helena Waldmann hat niemals Choreografieren gelernt, aber sie choreografiert. Das Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen legte die subversive Lunte im Kopf. An der Uni arbeitete sie unter anderen mit Heiner Müller, dem Versprachlicher existenzieller Aussichtslosigkeit unter den immer falschen politischen Verhältnissen, und mit George Tabori, dem Magier des Method Acting. Auf der Bühne schuf sie, eine Verkörperlicherin sprechender Bilder, von Anfang an ihr eigenes Zwischenreich. Sie wird fündig in Brasilien, dem Iran oder Bangladesch. In der Ferne sammelt sie Material, legt den Finger in politisch- soziale Wunden und schlägt, stets Widerspruch provozierend, unvermittelt den (ideologischen) Haken. Das vermittelt noch nicht, was sie künstlerisch denkt und tut, zumal man keine Künstlerinnen und Künstler benennen könnte, die ihr Vorbild gewesen wären oder die sie nachahmten. Helena Waldmann schöpft aus dem, was sie erlebt und kleidet das dann metaphorisch ein in eine makellose Bild-Ästhetik. Frauen, die in der Verschleierung ihre Behausung finden? Das geht, bewiesen in Letters from Tentland (2005). Seliges Vergessen durch Alzheimer? revolver besorgen (2010) wendet den Todeswunsch des eigenen Vaters ab. Der Sweatshop als Ort weiblicher Emanzipation? Kathak stampfende Füße im Rhythmus ratternder Nähmaschinen hämmern einem das Widersinnige ein in Waldmanns jüngstem Coup Made in Bangladesh (2014). So dringlich, bis man’s glaubt.
Eva-Elisabeth Fischer

Made in Bangladesh (2014)

BIOGRAFIE

MATERIALIEN

Helena Waldmann, seit 1989 freischaffende Tanzregisseurin, studierte von 1982 bis 1986 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und entwickelte erste Arbeiten zum Spiel mit der Wahrnehmung (Die Krankheit Tod, vodka konkav) sieben Jahre lang am Mousonturm in Frankfurt am Main. Seit 2000 lebt sie in Berlin. Ihre politischen Choreografien entstehen und touren weltweit. Es dominieren Arbeiten, die in Auseinandersetzung stehen mit u. a. Zensur (Letters from Tentland – Iran), Unterdrückung (BurkaBondage – Kabul/ Tokio), der sozial geächteten Rolle des Vergessens (revolver besorgen) oder prekären Arbeitsbedingungen (Made in Bangladesh – ein Werkstück über Ausbeutung in der Textil- und Kulturindustrie, mit dem sie für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2015 nominiert wurde).